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Elke Brand: "Autoren werden mit offenen Armen empfangen"

Elke Brand ist mit ihrer scripts for sale Spezialistin in der Vermittlung von Stoffrechten. Im Interview spricht sie über Veränderungen des Marktes und warum sich Autoren derzeit auf einer blühenden Wiese befinden. Heute feiert sie in Hamburg das 20-jährige Bestehen ihrer Agentur.

27.09.2019 08:39 • von Barbara Schuster
Elke Brand feiert 20 Jahre scripts for sale (Bild: Frank P.Wartenberg)

Elke Brand ist mit ihrer scripts for sale Spezialistin in der Vermittlung von Stoffrechten. Im Interview spricht sie über Veränderungen des Marktes und warum sich Autoren derzeit auf einer blühenden Wiese befinden. Heute feiert sie in Hamburg das 20-jährige Bestehen ihrer Agentur.

Sie waren mit eine der ersten Agentinnen in Deutschland, die sich auf die Vermittlung von Stoffrechten spezialisiert hat. Wie kam es dazu?

Elke Brand: Mich hat seinerzeit Petra Hermanns angesprochen, nachdem sie frisch ihre Literaturagentur gegründet hatte, weil sie eine Fachfrau für den Filmbereich brauchte. Ich kam als Producer-Assistentin aus dem Filmproduktionsbereich und hatte mich als freischaffende Lektorin und Dramaturgin in Hamburg niedergelassen und konnte so meine Expertise aus der Filmproduktion und Stoffentwicklung einbringen. Weil ich aus meiner Produktionszeit wusste, dass es ein Manko in den Verlagen gibt, was die Vermittlung von Verfilmungsrechten betrifft, habe ich die Idee entwickelt, uns als Agentur auf diesem Gebiet zu engagieren und ein Konzept zu erstellen. Man muss wissen, dass Verlagshäuser damals noch keine Strategie in der Vermittlung von Filmrechten verfolgten und noch weitaus mehr Verfilmungsrechte an Romanen bei den Verlagen selbst lagen als heute. Für die Eigenentwicklungen in Zusammenarbeit mit Drehbuchautoren waren unsere hauptsächlichen Auftraggeber zu Beginn ARD und ZDF; die Privaten standen erst in den Startlöchern.

Können Sie sich noch erinnern, mit welchen Vorlagen Sie es als erstes zu tun hatten?

Elke Brand: Das waren tatsächlich die Pilcher-Verfilmungen. Damals war ich bei der Produktionsfirma angestellt und man entdeckte, dass die Rechte noch frei waren. Sie lagen in England, wo sie bekannterweise nicht gefragt waren. Somit haben wir sie nach Deutschland geholt. Ein echter Glücksgriff. In diesem Zuge habe ich miterlebt, wie schlecht Verlage organisiert sein können, was die Abwicklung bzw. das Anbieten von Filmrechten betrifft.

Sie haben dann schnell Verlagshäuser als Klienten gewonnen.

Elke Brand: Unser erster Kunde war Random House (damals noch Bertelsmann Verlag). Das war natürlich ein Riesenkontingent an Rechten! Dann kamen noch unter anderem der Ullstein Verlag, Beltz und Gelberg, Eichborn und Piper dazu. Das war für die ersten zehn Jahre der Agentur unser Schwerpunkt. Mittlerweile sind die Originaldrehbücher unserer Drehbuchautoren der Hauptanteil unseres Geschäfts. Was die Vermittlung von Filmrechten betrifft, arbeiten wir exklusiv für dtv und Carlsen. scripts for sale fungiert als ausgelagerte Medienagentur, die sich um die Vertretung und Verhandlung der Filmrechte gegenüber Produzenten, Sendern, Plattformen und Verleihern kümmert.

Welche Veränderungen stellen Sie im Markt fest?

Elke Brand: Literaturvorlagen sind nach wie vor gefragt. Die meisten Produzenten gucken natürlich nach den Bestsellern. Aber gerade habe ich wieder die Filmrechte an einem Kinderbuch verkauft, das nicht zu den Bestsellern gehört, dessen Geschichte aber toll ist. Da muss man in Eigeninitiative losgehen und aktiv werden. Das erfordert Knowhow, sowohl dramaturgisch als auch, was die fundierte Kenntnis des Marktes betrifft. Nur so kann man erfolgreich einzelne Geschichten vermitteln. Bei den Drehbuchtoren stelle ich fest, dass sie sich heute viel öfter hinsetzen und überlegen, was sie selbst gerne sehen würden, mit ganz neuen, originellen Ideen um die Ecke kommen. Mittlerweile ist es keine Seltenheit, dass meine Klienten mir ein Konzept an die Hand geben, das sie selbst oder mit mir zusammen entwickelt haben und das ich dann ausgewählten Produzenten zur Optionierung vorlege. Dieser Bereich ist definitiv größer geworden. Auch weil sich bei den Sendern viel bewegt hat.

Wen meinen Sie damit?

Elke Brand: Das ZDF hat zum Beispiel gerade eine Transparenzerklärung zur Zusammenarbeit mit Drehbuchautoren herausgegeben, aber auch Netflix, Amazon oder Sky sind immer auf der Suche nach außergewöhnlichen und besonderen Geschichten und rufen Autoren auf, sich mit Ideen zu melden. Die Autoren werden überall mit offenen Armen empfangen. Es ist wirklich toll, dass sie viel innovativer und kreativer ans Schreiben herangehen können. Und nicht mehr in den üblichen Formatierungen arbeiten müssen, um die Vorgaben für die doch streng reglementierten Sendeplätze zu erfüllen. Heute kann ein Autor den Malkasten ausschöpfen und alle Farben benutzen, die es gibt. Genremixes sind zurzeit ein großes Thema. Das sind definitiv Neuerungen, die vor allem Autoren aufgreifen, die schon lange dabei sind und das nötige Handwerk mitbringen. Endlich gibt es die Möglichkeit, im Fernsehbereich auch wieder wildere und radikalere Geschichten erzählen zu können!

Der Ruf nach Originals ist groß. Eine blühende Wiese für Autoren?

Elke Brand: Die blühende Wiese ist ein gutes Bild. Es gibt heute eben nicht mehr nur die Wiese mit den Gänseblümchen oder den Tulpen. Den Autoren bietet sich eine kunterbunte Wiese an, auf der alles wachsen darf. Viele Autoren habe tolle Geschichten in der Schublade liegen, die man vor zehn Jahren überhaupt nicht hätte anbieten können. Alle hätten abgewunken, wenn die Worte Dystopie oder Science-Fiction gefallen wären. Das ging gar nicht in Deutschland. Heute ist das möglich. Das macht richtig Spaß. Diese Entwicklung greifen auch die öffentlich-rechtlichen Sender auf.

Bedingt der Aufschwung, das Bedürfnis nach anderen Inhalten auch die Tatsache, dass Autoren mehr Anerkennung, die Mitarbeit auf Augenhöhe bei den Sendern einfordern können?

Elke Brand: Die Transparenzerklärung des ZDF zielt ja z.B. genau darauf ab. Sie ist an die Autoren gerichtet und orientiert sich sehr an den Kontrakt18-Punkten. Kontrakt 18 ist eine Bewegung, die auch uns Agenturen letztes Jahr überrascht hat. Hier haben sich Autoren erlaubt, Regeln aufzustellen, unter denen sie arbeiten wollen, eine Art Selbstverpflichtung. Wenn eine Mitarbeit auf Augenhöhe nicht akzeptiert wird, wird der Auftrag auch nicht angenommen. Anfangs gab es noch Unsicherheit bei den Autoren, bei Kontrakt18 zu unterschreiben, weil sie befürchteten Aufträge zu verlieren. Das hat sich innerhalb eines Jahres radikal geändert! Wenn man die Transparenzerklärung des ZDF liest, tauchen dort eben ganz viele der Kontrakt-18-Punkte auf. Bei der ARD ist man auch grundsätzlich positiv zu der Bewegung. Man will als verlässlicher Partner mit den Autoren zusammenarbeiten und ist mit den Autoren in einem Dialog , wie man gemeinsam gewisse Programmplätze modernisieren kann und innovativ neue Formate erstellt.

Welche Haltung haben Sie zu Kontrakt 18?

Elke Brand: Ich heiße das per se gut, und zwar gut für die Autoren, die das wirklich auch bedienen können. Wenn ein Autor sagt, er möchte bei der Produktionsvorbereitung involviert sein, was dann in Richtung Showrunner oder Creative Producing geht, sollte er aber auch das nötige Know-how mitbringen. Als Autor sollte man wissen, wenn er/sie bei der Regiebesetzung mitsprechen möchte, welche Regisseure/Regisseurinnen für den jeweiligen Stoff geeignet wären. Der Autor/die Autorin muss sich in diesem Fall über den Markt informiert halten. Auf Augenhöhe mit den Produzenten zu sprechen setzt voraus, dass man sich in diesem Bereich auch fortbilden sollte bzw. wissen muss, mit welchen Aufgaben sich ein Produzent beschäftigt. Eine Vielzahl von Produzenten haben bei Kontrakt 18 erst mal aufgeschrien, weil sie sagen, die Autoren hätten nicht das nötige Know-how in Producer-Tätigkeiten mitzusprechen. Das konnte ich teilweise verstehen, weil nicht jeder Autor diese formulierte Selbstverpflichtung beherrscht. Aber in der Hauptsache bin ich absolut dafür, dass Autoren bei Fernsehstoffen - zumal wenn es sich um von ihnen erfundene Formate handelt - auch über das Drehbuch hinaus weiter in die Produktion eingebunden werden.

Hat sich für Sie die Zusammenarbeit mit Produzenten und Autoren verändert?

Elke Brand: Festzuhalten ist, dass alle permanent auf der Suche nach guten Geschichten sind. Es ist oft Zufall, dass man im richtigen Moment an der richtigen Stelle ist mit einem Stoff. Ich lese wahnsinnig viel und akquiriere aktiv bei Sendern und Produzenten. Zudem tausche ich mich auch mit Produzenten aus, welche Redaktion, welcher Anbieter für den Stoff passend sein könnte. Ich berate also sowohl Produzenten als auch Autoren. Für die Autoren ist es wichtig zu wissen, wie sie mit ihrem Stoff an den besten Partner kommen. Es ist meist nicht gut, eine Idee parallel an zu viele Stellen zu schicken. Man sollte sehr genau auswählen, weil man doch auch meist schon eine Vision für die Verfilmung im Kopf hat. Ich wähle mit den Autoren aus, was das Beste für ihr Buch ist. Es gilt auch immer die Frage zu klären, ob es sich eher für einen 90-Minüter eignet, ob es für eine Miniserie taugt, was das für den Stoff bedeuten würde und und und. Die Beratung, welche Geschichte für welches Format, nimmt sehr viel Raum ein in meiner Arbeit.

Der Trend geht stark zur Serie.

Elke Brand: Natürlich wollen im Moment alle die seriellen Formate. Man kann kaum noch Einzelstücke verkaufen. Aber man sollte sich kritisch fragen: Gibt es die Geschichte überhaupt her? Viele Sender sagen, wenn wir uns für eine Geschichte von 6 mal 45 Minuten committen, wollen wir auf jeden Fall die Möglichkeit haben, eine zweite und dritte Staffel anzuhängen. Das muss man als Autor kritisch abwägen. Man erlebt oft genug selbst beim Seriengucken, dass man die zweite Staffel noch ganz ok findet, aber bei der dritten dann schon gar nicht mehr einschaltet, weil es einfach langweilig wird. Es ist für Autoren deshalb ganz wichtig, im großen Bogen zu denken und am besten von Anfang an drei Staffeln für sich im Kopf zu haben.

scripts for sale bietet seinen Autoren auch die Abwicklung des kompletten Vertrags- und Finanzmanagements an. Ist dieser Aspekt komplizierter geworden?

Elke Brand: Das Verhandeln und Gestalten der Verträge ist auf jeden Fall eine komplexer werdende Angelegenheit. Es gibt da keine völlig einheitlichen Standards; jede Produktionsfirma hat ihr eigenes Vertragsmuster und je nach Format und Sender sind die vertraglichen Konditionen sehr unterschiedlich. Was sich für einen Autor im einzelnen vertraglich durchsetzen lässt, hängt zudem auch nicht unwesentlich vom jeweiligen Status ab, den der Autor im Markt innehat. Scripts for sale ist zum Glück Mitglied im Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage (VDB), der mit den öffentlich-rechtlichen Sendern die vertraglichen Rahmenbedingungen regelmäßig neu verhandelt. Meine Kollegin Ellen Bleckmann, die nicht nur als Agentin arbeitet, sondern als Medienanwältin die Vertragsgestaltung bei scripts for sale verantwortet, ist langjähriges Mitglied der Medienkommission des VDB, und saß daher auch mit am Tisch der Verhandlungen, die VDB und VDD gemeinsam mit der ARD geführt haben zwecks Abschluss Gemeinsamer Vergütungsregeln für Autoren. Diese Verhandlungen gehen nun in die Fortsetzung und es ist für unsere Autoren natürlich klar von Vorteil, dass wir da so nah am Puls dieses Geschehens sind.

Ein großes Thema ist Diversität, bzw. die Förderung von weiblichen Kreativen, die mehr und mehr bei in der Vergan­genheit von Männern dominierten Formaten wie "Tatort" zum Zuge kommen. Stellen Sie eine Veränderung fest?

Elke Brand: Hier hat sich eine Menge getan. Gleichwohl habe ich letztes Jahr erlebt, dass einer meiner Regieklienten es sehr schwer hatte, ein Krimiformat zu finden, weil von Senderseite die Antwort kam, man sei eher auf der Suche nach einer Frau. Das ist dann auch deprimierend. Bei den Autoren habe ich auch schon Diskriminierung festgestellt, wenn ihnen vorgeworfen wird, sie könnten Frauenrollen nicht richtig schreiben. Ich sage, jeder, der eine gute Geschichte hat und gut schreiben oder inszenieren kann, hat die Nase vorn. Da macht es keinen Unterschied, ob Mann oder Frau.

Was steht aktuell an bei Ihnen?

Elke Brand: Gerade wurde der Dreh von "Max und die wilde 7" abgeschlossen. Das Kinoabenteuer basiert auf der mehrfach ausgezeichneten Buchreihe meiner Klienten Lisa-Marie Dickreiter und Winfried Oelsner, die beide auch das Drehbuch schrieben. Winfried Oelsner führte zudem auch Regie. Nina Bohlmann schrieb unlängst "Ein Paar für alle Fälle - Das Sportabzeichen", eine Vorlage für einen ARD-Freitagabendfilm mit dem Duo Andrea Sawatzki/Christian Berkel vor der Kamera. Der NDR ist mit dem Dreh des Vierteilers "Die Toten von Marnow" beschäftigt, dessen Drehbuch Holger Karsten Schmidt lieferte. Wir vertreten an die 40 DrehbuchautorInnen und jeder Autor arbeitet an zwei bis fünf Projekten in unterschiedlichen Stadien. Da hält man schon viele Fäden zusammen innerhalb der Agentur.

Das Gespräch führte Barbara Schuster